Leisure Sickness: Krank in der Freizeit
Endlich frei – und dann das: Kaum beginnt der Urlaub, melden sich Müdigkeit, Infekte oder Schmerzen. Und ehe der ersehnte Erholungseffekt eintritt, liegt man flach. Dieses Phänomen, auch Leisure Sickness genannt, kennen laut einer aktuellen Studie der IU Internationalen Hochschule fast 72 Prozent der Beschäftigten – und zwar nicht nur im Urlaub, sondern oft auch am Wochenende.
Was ist Leisure Sickness?
Leisure Sickness bezeichnet das wiederkehrende Auftreten von gesundheitlichen Beschwerden in Phasen der Erholung, typischerweise am Wochenende oder während des Urlaubs. Betroffene berichten häufig von Erschöpfung und Müdigkeit, Schlafstörungen sowie Magen-Darm-Beschwerden. Auch Infekte wie Erkältungen oder grippale Symptome, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Gereiztheit und andere psychosomatische Beschwerden können auftreten. Zudem fällt es vielen schwer, überhaupt in einen Zustand der Erholung zu kommen.
Die Beschwerden nicht häufig nicht ausschließlich organisch erklärbar, sondern eng mit psychischer Belastung und Stress verbunden.
Wer ist besonders betroffen?
Ursachen für Leisure Sickness sind laut IU Internationale Hochschule:
- Hoher Arbeitsdruck (33,7 Prozent)
- Mangelnde Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen (30,0 Prozent)
- Unklare Aufgabenverteilung (23,4 Prozent)
- Ungünstige Work-Life-Balance (21,9 Prozent)
- Unklare Aufgabenstellungen (20,8 Prozent) und
- Lange Arbeitsstunden (17,3 Prozent)
Hinweis:
Betroffene berichten häufiger über Stress im Job, schlechte Erholung und Schwierigkeiten beim Abschalten als eine Vergleichsgruppe ohne Leisure Sickness. Frauen und Männer, Alleinstehende und Familienmenschen sind gleichermaßen betroffen, entscheidend ist vor allem die individuelle Stressverarbeitung.
Warum schlägt der Körper gerade in der Erholung zu?
Während stressiger Arbeitsphasen werden Stresshormone (z. B. Cortisol) ausgeschüttet, die das Immunsystem kurzfristig unterdrücken. Das kann dazu führen, dass Infekte erst zum Vorschein kommen, wenn der Stress abklingt – also am Wochenende oder im Urlaub.
Wenn die alltäglichen Anforderungen wegfallen, haben Betroffene oft erstmals Zeit, auf die eigenen Körpersignale zu achten. Was bisher verdrängt wurde, wird nun spürbar.
Perfektionismus, Schuldgefühle beim Abschalten und ein starkes Pflichtgefühl können verhindern, dass Erholung tatsächlich gelingt. Die Folge: Der Körper reagiert mit Symptomen.
Leisure Sickness und die Stubenhocker-Falle
Nicht nur Workaholics sind betroffen: Auch Menschen, die ihre Freizeit überwiegend passiv verbringen – sogenannte Stubenhocker – können unter Leisure Sickness leiden. Forschungsergebnisse aus der Gesundheitspsychologie und Sportmedizin zeigen, dass regelmäßige körperliche Aktivität die Stressregulation verbessert und den Abbau von Stresshormonen unterstützt, während körperliche Inaktivität mit einer erhöhten Stressbelastung und einer eingeschränkten Stressverarbeitung einhergeht.
Zudem wird angenommen, dass eine überwiegend passive Freizeitgestaltung die Wahrnehmung körperlicher Beschwerden verstärkt. Darüber hinaus bleibt das Immunsystem anfälliger, sodass Symptome wie Schmerzen oder Müdigkeit häufiger auftreten.
Praxistipps für Stubenhocker:
Kleine Bewegungseinheiten
Spaziergänge, Fahrradfahrten, Stretching oder Treppensteigen erhöhen das Aktivitätslevel.
Abwechslungsreiche Freizeit
Kreative Hobbies, soziale Kontakte und kurze Outdoor-Aktivitäten fördern die Stressverarbeitung.
Ruhe und Aktivität
Passive Erholung allein reicht nicht – die Kombination mit Bewegung stärkt Körper und Geist.
Wie können Arbeitgeber eingreifen?
Leisure Sickness ist kein „Simulieren“, sondern kann als Ausdruck überlasteter körperlicher und psychischer Ressourcen verstanden werden. Im Arbeitsalltag zeigen sich oft typische Warnsignale im Team: Dazu gehören beispielsweise auffällig häufige Krankmeldungen rund um das Wochenende oder direkt danach. Gleichzeitig fällt auf, dass vorhandene Erholungszeiten nicht effektiv genutzt werden. Zudem wird selbst der Urlaub nicht konsequent zur Regeneration genutzt, sodass die notwendige Erholung langfristig ausbleibt.
Praxistipp:
Arbeitgeber können gezielt unterstützen, indem sie eine Vorbildfunktion bei Pausen einnehmen, klare Übergaben vor Urlaubszeiten einfordern und eine respektvolle Unternehmenskultur für freie Zeit fördern.
Selbstschutz: Freizeit aktiv gestalten
- Schlafhygiene verbessern
- Regelmäßige Pausen einplanen
- Entspannungsübungen (z. B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson)
- Achtsamkeits- und Atemübungen
- Hobbies, soziale Kontakte, Bewegung und Naturerlebnisse fördern Stressabbau
- Perfektionistische Ansprüche an Freizeit reduzieren
- Aufgaben delegieren, bevor der Urlaub beginnt
- Keine Überstunden ansammeln
- Arbeitsfreie Zone schaffen: Telefon umleiten, E-Mails pausieren, Abwesenheitsmail einige Tage vor Beginn der Auszeit einschalten
- Erwartungen senken: Urlaub muss nicht perfekt sein – Offenheit für Neues wirkt befreiend
Praxistipp:
Die Erholung aus dem Urlaub hält häufig nicht länger als vier Wochen an. Um die Entspannung nachhaltig zu sichern, lohnt es sich, auch nach der Rückkehr gezielt kleine Erholungsmomente in den Alltag einzubauen – sei es ein Spaziergang, ein Hobby oder kurze Wellness-Auszeiten. Experten raten zudem, mehrere kürzere Trips zu unternehmen, statt nur einmal im Jahr eine lange Reise zu machen. So lässt sich der Erholungseffekt regelmäßig auffrischen und besser im Alltag verankern.